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SPORTaktiv Bikeguide 2021

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Darauf schau ich

Darauf schau ich eigentlich nie. Sondern eher auf die Häufigkeit der Touren: Im Schnitt bin ich vom Frühjahr bis in den Herbst zweimal in der Woche unterwegs. Wenn das Wetter passt, auch häufiger und der Genuss steht immer im Vordergrund. Wenn zum Beispiel am Wochenende die ältere neunjährige Tochter mit der Mama auf den Berg geht, dann fahr ich oft gleichzeitig mit der Einjährigen im Fahrradhänger rauf und wir treffen uns oben bei der Hütte und können so das Erlebnis teilen. Als Skirennfahrer und auch Motorradrennfahrer bist du sicher „materialaffin“, oder? Auch beim Bike? Beim Auto und Motorrad hat mich die Technik schon immer interessiert. Als Rennrad und Mountainbike noch reine Trainingsgeräte waren, hab ich mich eher an meinen Vater gehalten, der hat immer gesagt: „Wennst ein schlechtes Radl hast, trainierst besser als die anderen.“ Mit den E-Bikes hat mich die Technik aber zu interessieren begonnen. Wie spricht der Motor an, wie geschmeidig setzt er ein, wie lange hält der Akku? Was steckt generell an Technik drin und wie kann ich sie am besten für mich nutzen? Mit der Integration der Akkus in den Rahmen ist mittlerweile 12 SPORTaktiv auch die Ästhetik bei den E-Mountainbikes eingekehrt. Um beim Vergleich mit Skifahren zu bleiben: Dich fasziniert dort die Kurvendynamik mehr als die Geschwindigkeit, hast du einmal gesagt. Lässt sich fahrdynamisch vom Skifahren etwas aufs Biken übertragen? Das stimmt, es ist mir nie um den Speed, sondern ums Erleben einer perfekten Kurventechnik gegangen. Man braucht Gespür für die Linienwahl und das Spiel mit den Fliehkräften hat etwas Faszinierendes. Beim E-MTB sind auch die richtige Kurventechnik und das richtige Einschätzen der Linie hochinteressant. Mir taugt auch das koordinative Lernen, die „Augen-Hand-Körper-Koordination“, beim Rauffahren wie beim Runterfahren. Wenn man sich auf einem schwierigen Trail die richtige Linie erst anschauen muss oder wenn man mit wenig Geschwindigkeit die Balance hal- MIR WAR IMMER BEWUSST, WO MEINE WERTIGKEITEN IM LEBEN SIND: BEI DER ZEIT MIT DER FAMILIE. MATTHIAS LANZINGER aus Abtenau (S) ist 40, verheiratet und hat zwei Töchter (9 und 1). Im März 2008, damals 27-jährig, stürzte der ÖSV-Skifahrer im Weltcup-Super-G von Kvitfjell so schwer, dass ihm der linke Unterschenkel amputiert werden musste. Karriereende, ab Herbst 2008 Studium in BWL sowie Sport- und Eventmanagement. 2011 Einstieg in den Para-Skisport, bis 2015 neun Medaillen bei Großereignissen, Highlights: zweimal Silber bei den Paralympics 2014. Lanzinger arbeitet bei Amer Sports (für Salomon Ski) im Marketing, bietet Vorträge und ist begeisterter E-Mountainbiker. www.matthias-lanzinger.at ten muss: Bei all dem gibt es klare Parallelen zwischen Skifahren und Biken. Der Begriff „Flow“ ist schon ordentlich strapaziert. Wenn du so erzählst, klingt das aber ganz nach dem „vollständigen Aufgehen im Tun“. Im Alltag haben wir ständig so viele Eindrücke, von denen wir einen Großteil gleich einmal wegfiltern müssen. Beim Skifahren und genauso beim Biken ist man dagegen voll fokussiert auf die eine Sache und kann links und rechts alles ausblenden. Das ist für mich wie Meditation. Dieses Aufgehen in der Natur und im Tun ist für mich schon ganz klar ein Hauptmotiv, warum ich so gerne am Bike sitze. Die Coronazeit hat ja einen Bikeboom ausgelöst. Denkst du, ist das Bike für viele ein „Fluchtgerät“ vor dem Alltag geworden? Ich glaube zunächst, dass viele ihre neu gewonnene Zeit genutzt haben, um endlich wieder raus in die Natur zu kommen. Oft hatte man ja so viele Dinge um die Ohren, dass man sich für ein paar ruhige Stunden in der Natur gar nicht die Zeit genommen hat. Mit der

Coronazeit sind die Möglichkeiten für viele plötzlich wieder offengestanden. Viele Menschen haben wohl auch deshalb die Natur für sich entdeckt oder wiederentdeckt, weil auch das riesige Portfolio an sonstigen Freizeitaktivitäten und damit der „Freizeitstress“ deutlich abgenommen haben. Das merkt man beim Skitourengehen im Winter oder beim Wandern im Sommer und eben auch bei Mountainbike und E-Bike. Wie gehst du selbst mit den Unsicherheiten und Wirren der Coronazeit um? Mir war immer schon bewusst, was meine Wertigkeiten im Leben sind: Die Zeit mit der Familie zu schätzen und zu genießen. Klar: Wirtschaftlich war und ist die Zeit auch für mich eine Herausforderung. Ich habe auf Events und Vorträge lange hingearbeitet, die dann von einem Tag auf den anderen abgesagt wurden. Auch die Umstellung auf Homeschooling und darauf, den Beruf von zu Hause aus zu machen, waren nicht einfach. Wir haben bei uns zum Glück die Möglichkeit, vor die Tür zu gehen und gleich in der Natur zu sein. Obwohl ich beruflich auch ständig auf Skiern unterwegs bin, war für mich das private Skifahren jetzt im Winter sehr wichtig. Mit der Familie macht es mir richtig Spaß, vor allem, seit mit meiner älteren Tochter schon richtig lässige Skitage und sogar leichte Skitouren funktionieren. Jetzt kommt eben der Wechsel auf die Bikes, da freu ich mich schon sehr drauf. NICHT AUF DAS SCHAUEN, WAS NICHT MEHR MÖGLICH IST, SONDERN AUF DIE CHANCEN. der grundsätzliche Plan nicht mehr funktioniert. Und dann zu sehen, es gibt neue Möglichkeiten, und die Veränderung anzunehmen und auch positiv zu nutzen. Nicht zu hadern, sondern den neuen Standpunkt als Ausgangslage zu betrachten und zu schauen, wie man den Standpunkt möglichst positiv für sich nutzen kann: Das ist einer der Hauptfaktoren für Resilienz. Mir selbst ist das zum Glück immer gut gelungen. Du hältst Vorträge zu Resilienz und mentaler Stärke. Hast du dir diese Eigenschaften durch deinen Unfall 2008 angeeignet oder waren sie immer schon Teil deiner Persönlichkeit? Gewisse Dinge habe ich sicher immer schon gehabt. Ich habe mich zum Beispiel nie über das Wetter aufgeregt und bei Wettkämpfen oft bei schlechten Bedingungen die besten Resultate erzielt. Weil ich ja sowieso keine Möglichkeit habe, das Wetter zu verändern, sondern nur das beste aus der Situation machen kann. Generell habe ich mich mit etwas, was ich nicht selbst in der Hand habe, nie lange befasst. Analysieren, Zusammenhänge verstehen und aus Niederlagen lernen: das natürlich – aber auch anzuerkennen, was veränderbar ist und was nicht. Mir hätte nach meinem Unfall ja nichts mein altes Leben zurückgebracht. Deswegen habe ich auch nicht auf das geschaut, was nicht mehr möglich war, sondern auf das, was möglich war. Was war das für dich damals zum Beispiel? Radfahren war eines dieser Dinge, das habe ich sogar in der Reha schon leicht genutzt. Wie ich nach Hause zurückgekommen bin, war es mein Ziel, wieder auf meinen Hausberg in Abtenau hinaufzukommen, auf das habe ich wo- Wenn man deine Homepage aufmacht, steht als Erstes: „Veränderung bedeutet nicht gleich Verschlechterung, sondern bringt neue Chancen.“ Passt ganz gut als Motto in so eine unsichere Zeit wie jetzt, oder? Es ist ein Grundsatz von mir. Viele sehen eine Veränderung im Leben oft negativ, aber ich glaube, es ist wichtig, dass man den Blickwinkel ändert. Mit jeder Veränderung entstehen auch neue Möglichkeiten, die gilt es zu suchen und zu finden. Natürlich war der Satz auf meinen Unfall gemünzt, diese wirklich einschneidende Veränderung, wenn plötzlich dein ganzer roter Faden im Leben, Im schneereichen Salzburger März musste noch die Ebene für erste Ausfahrten herhalten. Das GASGAS-E-Bike ist eines der ersten der Marke, das ausgeliefert wurde. SPORTaktiv 13

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