Aufrufe
vor 13 Monaten

SPORTaktiv Juni 2019

  • Text
  • Sport
  • Gehirn
  • Profisport
  • Triathlon
  • Outdoor
  • Biken
  • Fitness
  • Juni
  • Magazin
  • Bewegung
  • Laufen
  • Musik
  • Sportaktiv

ATHLETE’S CORNER

ATHLETE’S CORNER PATRICK KONRAD „ICH LERNE EXTREM VIEL ÜBER MICH!“ HIER SCHREIBEN DIE ATHLETEN: ÖSTERREICHS RAD-ASS PATRICK KONRAD VOM BORA-HANSGROHE-TEAM ÜBER DIE FASZINATION TOUR DE FRANCE. WARUM DIE RUNDFAHRT EIN GEFÄHRLICHER STRESSTEST UND DIE LETZTE ETAPPE DOCH KEIN GEMÜTLICHES SCHAULAUFEN IST. Ich habe dieses Bild noch genau in meinem Kopf: Der 10-jährige Patrick liegt zu Hause auf dem Sofa, im Fernsehen läuft die Tour de France und ich starre total fasziniert auf den Bildschirm. Okay, zugegeben: Am meisten haben mich damals diese türkisen Trikots vom Team Bianchi fasziniert, mit dem Rest konnte ich noch nicht so viel anfangen. Was ich aber schon immer richtig cool fand, waren die Bergankünfte. Wenn die Fahrer sich die Steigung hinaufquälen und rechts und links unzählige Fans stehen und manchmal erst in letzter Sekunde vor dem Rad wegspringen. Heute, wo ich es selbst als Profi erlebe, weiß ich, dass das auch ziemlich gefährlich sein kann. Und trotzdem ist es ein geiles Erlebnis, du bist voller Adrenalin und wirst durch die Massen noch einmal zusätzlich gepusht. Toll! Fotos: Getty Images (3) 138 SPORTaktiv

Ich nehme heuer meine zweite Tour de France in Angriff und das gleich in einer sehr verantwortungsvollen Position. Mit meinem Kollegen und Freund Emanuel Buchmann teile ich mir bei unserem Team Bora-hansgrohe die Kapitänsrolle, wir sollen auf die Gesamtwertung fahren. Dabei ist mein persönliches Ziel, am Ende der drei Wochen unter den zehn besten Fahrern zu sein. Manchmal höre ich: Patrick, du warst beim Giro letztes Jahr Siebenter, willst du das bei der Tour nicht toppen? Ich sage dann: Nein! Man muss sich realistische Ziele setzen und wenn ich den Erfolg vom Vorjahr wiederholen könnte, wäre das eine riesige Sache. Zumal es ja auch immer darauf ankommt, unter welchen Bedingungen die Platzierung zustande kommt. Wenn ich zweimal stürze, eine Woche lang gegen das Aufgeben kämpfe und am Ende 15. werde, ist es trotzdem ein tolles Resultat – auch wenn ich mein Ziel damit verpasst habe. Bei der Tour kommen außerdem Komponenten dazu, die es bei anderen Rennen nicht gibt. Der Druck, die höhere Anspannung, vor allem aber: der Stress im Fahrerfeld. Weil der Druck so hoch ist, nimmt auch die Risikobereitschaft zu, was zu mehr Stürzen führt. Aus Sicht der Veranstalter muss ja immer auch alles noch spannender und noch spektakulärer werden, da werden zum Teil ganz bewusst Sachen eingebaut, die es gefährlich machen. Ein Beispiel: Beim Giro 2018 sind wir fünf Kilometer vor dem Ziel mit 80 km/h eine Abfahrt runtergefahren und plötzlich rasen wir von strahlendem Sonnenschein in einen unbeleuchteten Tunnel. Von einer Sekunde auf die andere ist es rabenschwarz. Da braucht nur ein kleines Steinderl rumliegen und es kommt zu einem Massensturz. Als ich vor meiner ersten Tour 2016 – es war meine erste Grand Tour überhaupt – unseren sportlichen Leiter Christian Pömer gefragt habe, wie ich diese Strapazen jetzt drei Wochen lang durchhalten soll, meinte er zu mir: Patrick, dafür hast du schließlich elf Jahre trainiert! Das trifft es ganz gut. Man beginnt im Nachwuchs mit Rennen, die eine halbe Stunde dauern, und kein Kind denkt jemals daran, eines Tages eine dreiwöchige Tour zu fahren. Man wächst da hinein, hat das nötige Talent und muss meiner Meinung nach auch dafür geboren sein, sich über einen so langen Zeitraum jeden Tag aufs Neue quälen zu können. Wobei es unmöglich ist, drei Wochen zu überstehen, ohne auch mal einen schlechten Tag zu haben. Da kommt es auch auf das Glück an, dass dieser Tag auf eine Etappe fällt, bei der es nicht so entscheidend ist. Beim Giro 2018 hatte ich meinen schlechten Tag beim Zeitfahren, da bin ich sogar aus den Top 10 gefallen. Mein sportlicher Leiter meinte nur: Gut so! Mit der Form hättest du bei einer schweren Berg etappe zehn Minuten Rückstand aufgerissen. Kurz darauf bin ich auf Platz sieben gefahren ... Es ist unglaublich, wie viel ich bei dreiwöchigen Rundfahrten über mich als Sportler lerne. Man muss sich ja permanent mit sich selbst beschäftigen, da merkt man plötzlich: Okay, diese Etappe war jetzt extrem schwer, aber nicht nur für mich selbst, sondern auch für alle anderen. Oder: Ich bin nicht der Einzige, der am Ende des Tages extrem ausgepowert ist. Ich mache dann mein eigenes Mental-Coaching, ziehe aus diesen Erkenntnissen Kraft und Motivation. Dieses Wissen hilft mir dann auch bei anderen Rennen. Und eines ist klar: Wenn man nicht krank wird oder sich mit gebrochenen Wirbeln ins Ziel schleppt, geht man brutal gestärkt – körperlich und mental – aus so einer Tour heraus. Wir Radfahrer nennen das „den Motor vergrößern“. Wenn mich jemand fragt, was die Frankreich-Rundfahrt noch einmal von den beiden anderen Grand Tours Vuelta und Giro unterscheidet, antworte ich gern mit einem Beispiel. Wenn du in Frankreich vom Bus zum Start fährst, siehst du niemanden mehr ohne Akkreditierung. In Italien kann es sein, dass MEIN PERSÖNLICHES ZIEL BEI DER TOUR DE FRANCE 2019: ICH WILL ES IN DER GESAMTWERTUNG UNTER DIE TOP TEN SCHAFFEN! dir dort der eine oder andere Fan über den Weg geht, dort läuft alles viel familiärer ab. Und bei der Vuelta kommt es vor, dass man minutenlang im Kreis fährt und den Startplatz gar nicht findet. Was ich damit sagen will: Die Tour ist extrem gut organisiert, nichts wird dem Zufall überlassen, es ist immer wieder ein Wahnsinn, was für eine professionelle Logistik dahintersteckt. Sehnsuchtsort der Tour ist natürlich Paris. Wenn ich jemandem, der zum ersten Mal dabei ist, einen Tipp geben Patrick Konrad (27, hier bei der Polen-Rundfahrt) fährt seit 2015 für das Team von Bora-hansgrohe, für das er heuer zum zweiten Mal bei der Tour de France (6. bis 28. Juli) starten wird. SPORTaktiv 139

Magazin

SPORTaktiv April 2016
SPORTaktiv 1 2016
SPORTaktiv Bikeguide 2016
SPORTaktiv Laufguide 2016
SPORTaktiv Winterguide 2015