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SPORTaktiv Magazin Februar 2018

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WOMIT LÄUFT ES SICH

WOMIT LÄUFT ES SICH BESSER? WENN DAS GEFÄLLE VON DER FERSE ZU DEN ZEHEN GROSS ODER MÖGLICHST KLEIN IST? EINE SPURENSUCHE VON SPRENGUNG BIS DÄMPFUNG. VON KLAUS MOLIDOR HIGH HEELS ODER FLACHE FERSEN? Es ist wie in der Mode – alles ist ein Auf und Ab. Alles kommt irgendwann in Mode, wird abgelöst und feiert Jahre oder Jahrzehnte später wieder ein Comeback. Eine besondere Wellenbewegung dieser Art hat auf dem Laufsektor die Sprengung durchgemacht. Erst durchschnittlich, dann extrem stark, dann extrem wenig und jetzt sind wir wieder irgendwo in der Mitte. Das Englische macht es in diesem Fall auf den ersten Blick klarer als das Deutsche. Was bei uns „Sprengung“ heißt, bezeichnet der angloamerikanische Sprachraum als „heel drop“. Also übersetzt das Gefälle des Schuhs von der Ferse zu den Zehen. Und mit dieser Sprengung hat es sich über die Jahre verhalten wie mit der Mode. Auch da gibt es ein Auf und Ab, pendelten Dinge wie Legwarmers, Ohrenschützer, Dreiviertelhosen oder Overalls zwischen katastrophal und hip. Die Sprengung hat eine ähnliche Achterbahnfahrt hinter sich. Auf eine Phase extremer Ausformung folgte der Barfußschuhtrend, auf den folgt eine Rückkehr zur Sprengung und ebenfalls wieder eine Gegenbewegung. Angestoßen von der Industrie, die in bestimmten Zyklen um Neuheiten bemüht ist, um den Absatz anzukurbeln. Welchen Einfluss hat die Sprengung nun aber auf den Laufstil? Landet es sich mit starker oder weniger Sprengung leichter, wie es sein sollte, auf Foto: On Running 80 SPORTaktiv

dem Mittelfuß statt auf der Ferse? „Theoretisch mit möglichst wenig Sprengung“, sagt Laufschuhexperte Michael Wernbacher aus Wien. Das heißt: Wenn der Läufer optimal aufrecht läuft, als ob ihn ein Gasballon am Scheitel nach oben ziehen würde. Wenn der Schritt lange nach hinten gestreckt wird, der Rumpf stabil und in Vorlage ist und der Fuß bei der Landung in einer gedachten Linie unter dem Kopf aufkommt. „Aber so laufen halt leider die wenigsten.“ Daher schwindet der Effekt der Sprengung schon wieder und ein zweiter Effekt wird wichtig: die Dämpfung. „Denn bei einer hohen Sprengung ist es wie mit dem Stöckelschuh. Du musst nach hinten ausgleichen, um nicht umzufallen“, sagt Wernbacher. Also braucht es eine anständige Fersendämpfung. „Der Barfußschuhtrend hat sich von den Sportgeschäften rasch zu den Orthopäden verlagert“, erinnert er sich. Dabei finden diese minimalistischen Schuhe ohne Dämpfung auch heute noch großen Anklang. „Zum Spazierengehen oder für das Lauf-Abc sind sie eine super Abwechslung. Aber nicht zum kilometerlangen Laufen.“ Dafür braucht es eben immer noch die Dämpfung der Schuhe. Egal, ob bei Neutral-, Stabil- oder Wettkampfschuhen. Wirft man einen Blick ins Schuhregal, zeigt sich: die Bandbreite ist riesig. Von weniger gedämpften Wettkampfschuhen bis zu richtig fetten Sohlen reicht da die Palette. Vor allem die US-amerikanische Marke Hoka One One fällt da auf. Laufen im ersten Stock ist das Gefühl in solch einem Schuh. „Viel Dämpfung muss nicht heißen, dass der Schuh weich ist, und wenig Dämpfung nicht, dass er hart ist“, erklärt Experte Wernbacher. Und um mit allen Mythen, was Dämpfung und Gewicht des Schuhs betrifft, aufzuräumen: Ein leichter Schuh macht nicht automatisch schneller bzw. ein schwerer nicht langsamer. Denn eine Studie am Medical Institute Berlin, durchgeführt vom renommierten Sportwissenschafter Dr. Srdjan Popovic mit über 1000 Probanden, zeigt: Ist ein Schuh um 100 Gramm leichter, bringt das nur 1% Energieersparnis. Im Gegenzug muss die Muskulatur ab rund einer Stunde aber viel mehr arbeiten. Vereinfacht gesagt heißt das unterm Strich: Bei längeren Läufen macht dich ein leichter Schuh, der weniger gedämpft ist, sogar langsamer. Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass immer noch das Gefühl eines Läufers im Schuh das wichtigste Kriterium ist, ob beide Seiten zueinanderpassen. „Aber natürlich schauen wir, wie jemand landet, was dabei das Knie macht, ob die Beinachse nach innen kippt. Dann kann man mit einem gut gestützten Stabilschuh einiges ausgleichen. Aber entscheiden tut dann am Ende das Gefühl“, sagt Wernbacher. Wohin geht dann der Laufschuh der Zukunft für den Normalverbraucher, der nicht den lehrbuchmäßigen Schritt läuft? Die Sprengung wird nicht das beherrschende Thema sein. Eher, so meint Popovic in der Studie, werde die Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit der sich intelligent an den Fuß anpassenden Dämpfung gehören und dem individuell anpassbaren Schuh. SPRENGUNG, WAS IST DAS? Die Sprengung beschreibt den Höhenunterschied zwischen Zehen und Ferse im Schuh. Laufschuhe haben zumeist eine Sprengung zwischen 5 und 12 mm. Manche Hersteller wie Altra setzen dagegen auf null Sprengung. SPORTaktiv 81

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