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SPORTaktiv Magazin Juni 2017

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RUN AUF DER DORFRUNDE

RUN AUF DER DORFRUNDE SCHNELLER, HÖHER, STÄRKER: Diese Superlative haben sich längst andere Trailrunning-Events an die Startnummer geklebt. Aber schöner? In dieser Kategorie gibt es für Klaus Höfler, unseren „Mann fürs Grobe“, seit Kurzem einen neuen Favoriten: den Sciacchetrail an der Küste Liguriens. Fast 500 Höhenmeter auf den ersten fünf Kilometern: Das klingt nicht gerade nach einem Sonntagsspaziergang. Aber die frühen Mühen werden schnell belohnt. Schon nach dem ersten Anstieg spannt sich eine spektakuläre Fernsicht vor dem 300-köpfigen Starterfeld auf. Spätestens jetzt wird klar, warum dieser Küstenabschnitt südlich von Genua an der Westküste des italienischen Stiefels vor 20 Jahren zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Seit 2015 ist er auch Austragungsort eines Trailruns: Sciacchetrail nennt er sich und schlängelt sich über 47 Kilometer und 2.600 Höhenmeter durch Weinberge, Wälder und die fünf namensgebenden Dörfer von Cinque Terre. Start und Ziel liegen in Monterosso auf Meeresniveau, die erste Verpflegungsstation nach zehn Kilometern auf über 500 Meter Seehöhe – stilsicher installiert vor einer der ältesten Wallfahrtskirchen der Region. Wer hier nicht seine letzten Sünden abbüst, der kann es auf den folgenden zehn Kilometern tun. Weitere 300 Höhenmeter warten. Nachdem die Strecke noch einen ersten „Wow!“-Blick auf das an der Küste auf einem Felsvorsprung pickende Kastell Doria spendiert hat, folgt jener Teil, der Fans von kupierten Singletrails auf Waldböden entlang eines Hügelkammes ein Dauergrinsen ins Gesicht schnitzt. Gesäumt von krüppeligen Bäumen und Anfang April schon sanft aufblühendem Buschwerk, führt die Strecke ins Hinterland. Dass man wenig später am Colle de Telegrafo bereits 27 Kilometer hinter sich hat, wird mit einem weiteren Zuckerl für die Psyche versüßt: Es handelt sich um den südlichsten Punkt der Tour – weiter weg vom Zielort kommt man nicht mehr. Wobei es der Heimweg aber in sich und so gar nichts mit dem Namenspatron des Laufs zu tun hat. SÜSSER WEIN, SAURE MUSKELN Jener Namenspatron, der Sciacchetrà, ist ein sämiger, goldgelber Likörwein, der hier als lokale und durch strenge Herkunftskriterien geschützte Spezialität gezogen und ausgebaut wird. Als „süß bis lieblich“ wird sein Geschmack beschrieben. Das passt vielleicht optisch zur Laufstrecke, was den Kraftbedarf angeht, hätte man sich jedoch tiefer in die Sprachgeschichte des Namens vorgraben müs- FOTOS: Sciacchetrail TEXT: Klaus Molidor Höfler 48 SPORTaktiv

Der Freudensprung über die Ziellinie verwundert nicht – nach sechs Stunden ununterbrochener Adrenalin- und Endorphinausschüttung. LIVE DABEI SERIE sen. Dann wäre man vorgewarnt gewesen. Als Wortwurzel gilt nämlich das italienische „schiacciare“ – zerquetschen/zerstampfen. Und genau so fühlen sich meine Ober- und Unterschenkel langsam an. Schuld daran? Stufen. Hunderte. Mindestens. Nicht nur bergauf, sondern auch hinunter. Nicht nur trocken und aus Steinblöcken gebaut, sondern auch feucht und von der Natur geformt. Das zehrt. deuten, wird erst jetzt klar. Über unregelmäßige, teils ungemütlich hohe Treppen geht’s die Weinberge nach oben. Meist senkrecht. Trifft man auf andere Läufer, kann man hier einen Blitzkurs für italienische Schimpfwörter absolvieren – sofern man sie lautmalerisch aus dem Schnaufen heraushört. Bis zum nächsten Ort, Manarola, wäre es zwar die Küste entlang nur knapp ein Kilometer. Außer der spektakulären Zugtrasse, die die Dörfer in Form eines einzigen Tunnels mit kleinen „Freiluftfenstern“ miteinander verbindet, gibt es aber keine direkte Straße. So werden es vier hoch fordernde Kilometer durch die Botanik. An echtes Laufen ist nicht zu denken. Stattdessen drückt es den Oberkörper schwer auf die Beine. Und das „Stiegenhaus“ will einfach kein Ende nehmen. Ein Blick zurück zeigt das wahre Ausmaß. Die Häuserketten Manarolas, die wie von einem pastellfarbenund Kitsch-liebenden Maler in die steile Küstenlandschaft gezeichnet wirken, liegen noch gar nicht so weit AM STAIRWAY TO HEAVEN Schon die Route vom Wendepunkt nach Riomaggiore, dem südlichsten der fünf Dörfer, bietet einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt: 500 Höhenmeter, bergab auf teilweise elend rutschigen Steinplatten. Die Oberschenkel brennen lichterloh. Nur wenige – relativ flache – Meter geht es durch die Gassen, bevor der Weg wieder Richtung Himmel biegt. Der Streckenplan hatte für die letzten 15 Kilometer zwar ein hektisch ausschlagendes Profil angekündigt, aber was die Zacken wirklich beentfernt, aber schon tief unter einem. Impressionen wie diese, die sich ab hier den Läufern immer wieder bieten, zahlen direkt auf das „Einmalig schön“-Konto des Sciacchetrails ein und führt zu zahlreichen Fotostopps. Parallel versucht der innere Schweinehund aber ständig ein paar Gutpunkte abzubuchen. „Augenblicke verweile doch! Du bist so schön!“, säuselt er einem ein Goethe-Zitat in die Ohren. Tatsächlich lechzt der Körper nach mehr Pausen, der Kopf aber drängt Richtung Ziel. UND NOCH EIN PAAR „HÜGEL“ Bis dahin warten aber noch ein paar „Hügel“. Die Route führt auf gerade einmal schulterbreiten Wegen die Terrassen entlang. Rechterhand stapeln sie sich eng aneinander gereiht und mit Weinstöcken und Obstbäumen bepflanzt nach oben. Linkerhand fällt das Gelände ebenso treppenartig steil Richtung Meer. Immer wieder geht es über kleine Treppenabsätze jener Steinmauern hinauf oder hinunter, die endlos die Cinque Terre-Steil- Nr. 3; Juni/Juli 2017 49

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