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SPORTaktiv Magazin Oktober 2017

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HEILIGE SHIMANO, HILF!

HEILIGE SHIMANO, HILF! ICH LAG IN LIENZ MIT AUFGESCHLAGENEM UNTER- ARM UND SCHMERZENDEM OBERSCHENKEL IM DRECK: NICHT EINMAL 24 STUNDEN VOR DEM DOLOMITEN- MANN HAT ES MICH IN EINER MITTELSCHWEREN PASSAGE KOPFÜBER UM EINEN BAUM GEWICKELT. VON GEORG MICHL Mein Bike lag zwei Meter weiter unten und das Ego war sogar bis ins Tal geschlittert. Es war der absolute Tiefpunkt in meiner Vorbereitung. Die Höchststrafe für das Selbstbewusstsein sollte aber erst fünf Minuten später kommen, als eine junge Dame mit Turnschuhen und E-Bike die Passage problemlos und lachend gemeistert hat, als wäre es ein Stück auf dem Weg zum sonntäglichen Brunch. Ich war völlig blockiert, habe die Stelle noch einmal versucht und bin prompt wieder abgestiegen. Obwohl ich weiß, dass man dort hinfährt, wo man hinschaut, konnte ich meinen Blick von dem Loch zwischen den Wurzeln nicht abwenden. Es zog zuerst meine Augen und dann mein Vorderrad magisch an. Da wusste ich, dass ich an dieser Stelle im Bewerb tragen werde, egal, wie viele Zuseher da stehen und schreien. Wenigstens da bin ich konsequent. Im Nachhinein waren diese Stürze wohl das, was ich gebraucht habe, um im Rennen nicht zu übertreiben – aber in diesem Moment war es einfach scheiße. Die Nacht vor dem Rennen war kurz und ich habe etwa 14 Mal vor meinem Weg zum Stadion Reifendruck und Ausrüstung kontrolliert und dabei Musik gehört – meine Art, mit dem Druck umzugehen. Ich trage mein Herz auf der Zunge, aber ein paar Stunden vor dem Rennen bin ich ein Kandidat für die Couch. Der Anblick der austrainierten Athleten hob die Stimmung nicht gerade. Was mache ich hier zwischen Weltmeistern und Olympiateilnehmern? Die Vernunft sagt „165“ Bei aller Nervosität war mir eines immer bewusst: Ist man gewichtstechnisch eher beim Organisator Werner Grissmann und nicht beim Dominator Kristian Hynek angesiedelt, darf man in die Steigung nicht hineinkleschen wie Chris Froome in die Alpen. Vernunft war trotz der explosiven Mischung aus Euphorie, Angst und Nervosität angesagt und diese Vernunft manifestierte sich in einer Zahl: 165. Rund um diesen Wert 82 SPORTaktiv

„BESSER 450| EURO FÜR| BREMSBACKEN| ALS 4300 FÜR| ZAHNIMPLANTATE.“| Fotos: Red Bull Content Pool wollte ich meinen Puls halten, egal, wie steil oder flach es auch sein mag und vor allem egal, wie schnell die anderen an mir vorbeifahren würden. Sonst ist der Stecker bald draußen und das sollte bei insgesamt 1600 Höhenmetern tunlichst vermieden werden. Ich blieb standhaft, kontrollierte gefühlt alle zehn Sekunden meinen Puls und hielt mich an die selbst auferlegte Vorgabe und wurde belohnt: Nach knapp 400 Höhenmetern habe ich die ersten überholt, die schon ausgesehen haben wie ein Uhu nach dem Waldbrand. Noch 1100 Höhenmeter ohne Unterbrechung und dosiert kurbelte ich mich über die Forstwege und die Serpentinen hinauf. „Trinken, vergiss nicht aufs Trinken“, redete ich mir im Geist ständig vor. Eine Trinkflasche hatte ich auf den Stufen in der Zwischenabfahrt verloren, aber die zweite war noch voll. Dann kam die Tragepassage: Gel rein, Rad auf den Rücken und nur nicht hinaufschauen. Schon beim Absteigen fuhr der erste Krampf ein. Fein – ein kurzer SPORTaktiv 83

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