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SPORTaktiv Oktober 2020

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„ICH GELTE AUCH IN DEN

„ICH GELTE AUCH IN DEN USA NICHT ALS NORMAL“ JESSE MARSCH, ERFOLGSTRAINER DES FC RED BULL SALZBURG, VERGLEICHT SEINE US-HEIMAT MIT EUROPA. WELCHES LIGEN-SYSTEM IHM MEHR TAUGT, WO EUROPA HINTERHERHINKT, WARUM ER NOCH LANGE HIER BLEIBEN WILL. UND ER GIBT SALZBURG EINE GARANTIE. VON MARKUS GEISLER folgt gewissen Regeln. Einfach anders. Das soll jetzt nicht falsch rüberkommen, aber ich gelte auch in den USA nicht als normaler Typ, sondern als überdurchschnittlich positiver Mensch. Ein Teil meiner Persönlichkeit besteht aus Selbstvertrauen und daraus, ein positives Umfeld zu schaffen, in dem meiesse, Sie gelten als überaus optimistischer, positiver Typ – typisch amerikanisch? JESSE MARSCH: (Lacht) Ich schätze schon ... Ich weiß noch, wie ich in Deutschland zum ersten Mal meinen Ansatz von Fußball erklärt habe. Dort ist alles pragmatischer, logischer, strukturierter, alles 172 SPORTaktiv

Fotos: Gepa Pictures, Getty Images (2) ner Meinung nach Leistung am besten entstehen kann. Wo jeder das Beste aus sich herausholt und das auch von den anderen fordert. Das benötigt Energie, Positivität und auch Fröhlichkeit. Ist Österreich demnach Deutschland ähnlicher oder den USA? Tatsächlich ähnlicher den USA. Die Menschen haben eine logische und rationale Art zu denken, tun das aber in einem entspannten und positiven Umfeld. Das ist mir gerade in Zeiten der Corona-Krise aufgefallen. Was meinen Sie? Die Regierung hat meiner Meinung nach gute Entscheidungen getroffen, die Menschen sind diesen Entscheidungen gefolgt und haben dabei einander unterstützt. Da ist ein richtiger Gemeinschaftssinn entstanden. Das war ein großer Vorteil, um das Problem zu lösen. In Deutschland ist alles viel strikter, dort werden absolut alle Regeln befolgt, ohne rechts und links zu schauen. Auch ein erfolgreicher Weg, keine Frage. In den USA geht es dagegen mehr um Individualismus, um den Einzelnen, jeder hat seine eigenen Ideen. Womöglich würde es den Menschen dort guttun, wenn es ein System gäbe, in dem man den Regeln mehr folgt. Zurück zum Sport. Ist mein Eindruck falsch, dass der viel tiefer in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist als bei uns? Die Leidenschaft für den Fußball ist in Deutschland unglaublich speziell! Dort ist die Fankultur besser als alles, was ich auf der Welt gesehen habe. Das macht die Bundesliga so einzigartig. Es ist aber auch ein Land, das klar von einer Sportart dominiert wird, dem Fußball. In den USA ist das Interesse viel breiter. US-Anhänger sind auch fanatisch, aber sie teilen ihre Leidenschaft auf zwischen American Football, Basketball, Baseball, Eishockey, Fußball und anderen olympischen Sportarten. Was die Amerikaner definitiv haben, ist das Selbstbewusstsein, immer und in allem die Besten der Welt sein zu wollen. Das zeigt sich in der Art, wie wir generell über Sport denken. gibt es immer diesen Wettbewerb untereinander, das Vergleichen, jeder will besser sein als der andere. Das fängt in der Schule an, ist so im Geschäftsleben, im Sport, in allen Bereichen. Es geht immer ums Gewinnen. Das macht die USA stark, färbt aber auch auf die Gesellschaft ab. In meinen Augen ist unsere größte Stärke gleichzeitig auch unsere große Schwäche. Wenn US-Amerikaner zu einem Sportevent gehen, wirkt es eher wie ein gesellschaftliches Ereignis. Essen, trinken, tratschen ... Hierzulande steht das Spiel mehr im Mittelpunkt und vor allem der Wille, dass das eigene Team gewinnt. Do you agree? Oh, da müssen wir differenzieren. Ich gebe Ihnen recht, wenn wir etwa vom VIP-Klub der L.A. Dodgers sprechen. Da geht es um sehen und gesehen werden, gutes Essen und, ach ja, ein Spiel findet auch noch statt. Reden wir aber über ein Spiel der Green Bay Packers, ein Team aus meiner Gegend, ist es ganz anders. Da geht es den Fans ausschließlich ums Gewinnen. Das könnte daran liegen, dass es bei uns in Wisconsin immer sehr kalt ist, die Leute weniger Geld haben – dementsprechend bedeuten die Packers den Leuten mehr als in Kalifornien, wo es mehr Geld und immer Sonne gibt (lacht). Sie haben mal gesagt, dass die USA in Sachen Gleichberechtigung im Sport viel weiter sind als wir in Europa. Das stimmt, ich sehe das unter anderem bei meiner Tochter, die auch Fußball spielt. Mädchen haben viel mehr Möglichkeiten im Sport erfolgreich zu sein als in Europa. Ich habe den Eindruck, dass diese Gleichbehandlung in Amerika viel mehr eingefordert wird. Und ich bin froh, dass es so ist (lacht). Und ich kann versichern: In unserem Haus passiert nichts, was gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoßen würde. In den USA spielt Sport schon an den Schulen eine große Rolle, hier wird seit Jahren über die tägliche Turnstunde diskutiert. Das könnte mit den politischen Strukturen zusammenhängen. In Österreich gibt es eine faire Chancenverteilung, wie die Kinder aufwachsen. In den USA, wo der Kapitalismus noch ausgeprägter ist, Die Packers bedeuten den Fans alles, auch „weil es bei uns immer kalt ist“, sagt Marsch. SPORTaktiv 173

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