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SPORTaktiv Dezember 2018

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110 SPORTaktiv KOPF, BAUCH UND BLINDES VERTRAUEN

FITMACHER KLETTERN, TEIL 2. IM OKTOBER HABEN WIR DEN KÖRPERLICHEN BENEFIT BEIM SPORTKLETTERN BELEUCHTET. DIESMAL WERFEN WIR MIT DEM EXPERTEN EINEN BLICK AUF DIE MENTALEN EFFEKTE. KLETTERN UND BOULDERN ALS IDEALE LEBENSSCHULE. VON CHRISTOF DOMENIG MAG. PETER GEBETSBERGER ist Sportwissenschafter, staatl. geprüfter Bergführer und leitet unter anderem das Referat Sportklettern bei den Naturfreunden Österreich. www.naturfreunde.at Fotos: iStock, Naturfreunde Klettern, zumal in der Halle, ist nach allen Statistiken eine sehr sichere Sportart. Was der Kopf weiß, muss der Bauch noch lange nicht zur Kenntnis nehmen. „Den Halt zu verlieren und zu fallen, spricht eine ureigene, tief in uns verankerte Angst an“, erklärt Peter Gebetsberger von den Naturfreunden. Schon Kletteranfänger kennen das Gefühl gut, wenn die Schwerkraft die Wandneigung ungefiltert vermittelt, der Grat zwischen Noch-Halt-Finden oder Abrutschen dünn ist, und man nicht sicher ist, ob man eine knifige Passage meistert oder eben nicht. Mit zunehmendem Können gewinnen Kletterer naturgemäß an Sicherheit, eine „Hemmschwelle“ bleibt dennoch ein Klettererleben lang bestehen. Diese sei eine natürliche Schutzreaktion und mit der Urangst vor dem Fallen einfach erklärbar, weiß der Leiter des Referats Sportklettern von den Naturfreunden. Diese Urangst und der Umgang mit ihr ist nur einer von zahlreichen interessanten Erklärungsansätzen, warum Klettern „das Zusammenspiel von Körper, Geist und Emotionen entwickelt wie fast keine andere Sportart“, wie es Gebetsberger ausdrückt. Geist und Emotion, Kopf und Bauchgefühl: Üblicherweise wird in unserer Gesellschaft der Vernunft, also dem Kopf, der Vorrang gegenüber einem „diffusen“ Bauchgefühl eingeräumt. Doch dieses Gefühl sei keineswegs gering zu schätzen, sondern immens wichtig, sagt Gebetsberger. Und gerade im Klettern könnte man sehr gut lernen, nicht nur nach dem Kopf, sondern auch nach Intuition und Gefühl zu handeln. Nähere Erklärung: „Alle Eindrücke, die wir im Leben machen, sind in uns abgespeichert, und beeinflussen unsere Handlungen, entweder mit kognitivem oder emotionalem Bezug. Im Klettern spielen eben jene Eindrücke, die in der ‚Bauchgegend‘ ihren Ausdruck finden, in der Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle.“ Die Sportart lehre uns auch sonst im Leben, mit als bedrohlich empfundenen Situationen umzugehen und diese angemessen einzuschätzen. Etwa: „Der Chef ruft an und erklärt dir, dass es ein Problem gibt, du sollst sofort zu ihm kommen. Es entsteht eine emotionale Belastungssituation.“ Kletterer seien im Umgang mit Belastungssituationen deutlich im Vorteil, weil sie dieses Gefühl gut kennen, und in der Regel gelernt haben, der Erregung gegenzusteuern. Gebetsberger plädiert generell dafür, den Umgang mit Risikosituationen im Leben zu üben und zu erlernen. Sportarten wie das Klettern eignen sich dafür sehr gut. Klettern auch deshalb, weil es eben die eingangs erwähnte Diskrepanz zwischen objektiv SPORTaktiv 111

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