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SPORTaktiv Oktober 2019

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spricht, hat er als Kind

spricht, hat er als Kind den Weg in die acht Kilometer entfernte Schule als Trainingsstrecke benutzt. Morgens hin, am Nachmittag zurück zur elterlichen Landwirtschaft, wo es Tiere gab und wo Kaffee und Getreide angebaut wurden. „Ich bin aber immer nur zum Spaß gelaufen, ich hatte nie im Kopf, dass das irgendwann zu meinem Beruf werden könnte“, erzählt er. Was auch daran lag, dass es in seinem Umfeld viele Läufer gab, die hierzulande als herausragend gelten würden, in Äthiopien aber eher die Norm als die Ausnahme sind. „Ich kann mich an Crossläufe erinnern“, sagt er, „bei denen am Ende 20 Teilnehmer innerhalb von einer Sekunde lagen. Niemand kann sich vorstellen, wie groß die Leistungsdichte dort ist.“ Und trotzdem stach Ketema aus der Masse heraus, nahm an Wettkämpfen teil und wurde zu internationalen Bewerben geschickt. Nach China, nach Italien, er war auch schon in Amsterdam oder Rotterdam. Das ist deswegen wichtig, weil er bei diesen Reisen bereits die Möglichkeit gehabt hätte, aus seiner Heimat zu fliehen und woanders ein neues Leben anzufangen. Doch er kehrte immer wieder in sein Dorf in der Nähe von Huruta zurück. Zu seinen Eltern, seinen acht Geschwistern, seinen Freunden, seiner Laufgruppe. Obwohl die Lage dort für ihn immer ungemütlicher wurde. Lemawork Ketema ist nicht vor Krieg geflüchtet. Auch nicht vor Hunger. Wenn man ihn fragt, was letztlich den Ausschlag gab, sagt er: „die Regierung.“ Man habe ihn gedrängt, Interna von Laufkollegen weiterzugeben, Lügen zu verbreiten. Wenn Lemawork davon erzählt, riecht es nach Stasi-Methoden. Einmal hätte er sogar jemanden schlagen sollen. Wollte er aber nicht. „Ich bin Christ, ich kann solche Dinge nicht tun. Deswegen habe ich Probleme bekommen. Da haben sie mich ins Gefängnis gesteckt.“ Eine kleine Strafe, sagt er, sei das gewesen. Weil der Druck aber nicht nachließ, die Forderungen heftiger wurden, hat jemand, der es gut mit ihm meint, gesagt: „Lemawork, du musst weg, sonst gibt es eine große Strafe.“ Als Ketema 2013 die Einladung an- Links: Ketema beim Unterbieten des Olympialimits in Wien. Rechts: mit seinem Trainer Harald Fritz. Unten: In Berlin gewann er mit Peter Herzog und Christian Steinhammer EM-Bronze im Team-Bewerb. 114 SPORTaktiv

Fotos: Getty Images, VCM/Leo Hagen, VCM nahm, am Marathon in Salzburg teilzunehmen, wusste er noch nicht, dass er diese Gelegenheit zur Flucht nutzen würde. Immer wieder wägte er ab, was ihm ein neues, unbekanntes Leben bringen würde im Vergleich zu dem, was ihn der Verlust des alten kostet. Doch die Einsicht, dass eine Rückkehr keinen Sinn mehr hat, war größer. Er blieb, stellte einen Asylantrag und kam ins Flüchtlingslager nach Traiskirchen. Gut ging es ihm dort nicht. „Eine sehr schwere Zeit“, sagt er. Er war erstmals von seiner Familie getrennt, lag mit vier fremden Menschen in einem kleinen Zimmer. Und wartete. Und rannte. „Ich bin jeden Tag laufen gegangen, hab trainiert wie ein Profi. Ich hätte es sonst nicht ausgehalten“, erzählt er. Doch auch aus einem anderen Grund sollte sich genau das als sein großes Glück herausstellen. Denn er fiel einer Läufergruppe rund um Ausdauercoach Harald Fritz auf. Man sprach einander an, lernte sich kennen. „Wir haben für ihn gesammelt, er hatte weder gescheite Schuhe noch Gewand für den Winter“, erzählt Fritz. „Dann haben wir ihn zum Silvesterlauf eingeladen und angefangen, einen Plan für ihn zu machen. So fing das Ganze an.“ Harald Fritz wehrt sich dagegen, wenn man ihn als Entdecker von Lemawork Ketema bezeichnet. „Viel schwerer wäre es gewesen, nicht zu erkennen, dass er ein herausragender Läufer ist“, sagt er. Doch wie gut er wirklich war, stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus. 2014 wurde sein Asylantrag positiv beschieden, 2015 folgte per Ministerratsbeschluss die Einbürgerung. Denn längst war klar, dass man es hier mit einem Mann zu tun hat, der Maßstäbe setzen kann. Das ICH BIN JEDEN TAG LAUFEN GEGANGEN, ICH HAB TRAINIERT WIE EIN PROFI. ICH HÄTTE ES SONST NICHT AUSGEHALTEN. Olympialimit für Rio verpasste er um 23 Sekunden knapp, doch spätestens 2018 wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bei der EM in Berlin lief er im rot-weiß-roten Dress zum achten Platz im Marathon und sorgte zusammen mit Peter Herzog und Christian Steinhammer dafür, dass Österreich Bronze im Teambewerb holte. „Mit einer taktisch etwas besseren Leistung wäre sogar noch mehr drin gewesen“, glaubt Fritz. Beim Wien-Marathon 2019 lief Ketema in 2:10,44 nicht nur österreichischen Rekord, sondern unterbot das Limit für Tokio 2020 um satte 46 Sekunden. Und das, obwohl ihm bei zwei Trinkstationen seine Flaschen abhanden kamen. „Viele haben mir das nicht zugetraut“, sagt er. „Als ich wusste, dass es für Olympia reicht, ist ein Traum in Erfüllung gegangen, ein wunderbares Gefühl.“ Eines, das er auch seinem großen Idol Haile Gebrselassie zu verdanken hat. Äthiopiens Wunderläufer kommt aus einem Ort, der nur 30 Kilometer von Lemaworks Landwirtschaft entfernt liegt, was in seinen Dimensionen einem lockeren Trainingslauf entspricht. Oft holte er sich Tipps von seinem Idol, der wichtigste war: „Wenn du fleißig bist und an den Erfolg glaubst, ist alles möglich.“ „Das habe ich zu meinem Lebensmotto gemacht“, erzählt Ketema. Wenn Lemawork heute an Olympia denkt, weiß er, dass es sinnlos ist, von einer Platzierung zu sprechen. Sein Ziel ist ein anderes. „Ich will bei jedem Marathon, bei dem ich antrete, eine neue Bestzeit laufen. Das gilt für die WM in Doha, aber auch für Tokio. Und dann schauen wir, was herauskommt.“ Die zu erwartende Hitze in Fernost kommt ihm entgegen, die Tatsache, dass Läufe bei Großereignissen meist taktisch geprägt sind, auch. Denn bei Olympia geht es weniger um Rekorde, mehr um Medaillen. Auf die Frage, welche Zeit für ihn dann möglich ist, winken Lemawork und sein Trainer Harald Fritz ab. „Er hat sich jedes Jahr deutlich verbessert, ist heute schneller denn je. Es gibt kein Limit“, sagt Fritz. Und Ketema ergänzt mit einem Lachen: „Genau, es gibt kein Limit – bis ich sterbe.“ SPORTaktiv 115

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