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SPORTaktiv Oktober 2021

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VON NULL AUF HUNDERT:

VON NULL AUF HUNDERT: OBWOHL SIE MENTAL AM BODEN WAR UND MIT OLYMPIA SCHON ABGESCHLOSSEN HATTE, GEWANN BETTINA PLANK IN TOKIO BRONZE. HIER BESCHREIBT SIE IHRE REISE INS SCHWARZE, DIE VIELE TURBULENZEN, ABER AUCH EIN HAPPY END ZU BIETEN HAT. VON MARKUS GEISLER DIE KRAFT DES WIDERSTANDS lympische Spiele. Viele Jahre lang war das die Pfeife, nach der Bettina Plank tanzte, das Ziel, dem sie alles unterordnete. Klar, es war ja auch eine Once-in-a-Lifetime-Geschichte. Zum ersten und gleichzeitig letzten Mal olympisch, konnten auch Karate-Kämpfer in Tokio erleben, welch immense Wirkung die fünf Ringe auf eine Sportart haben. Doch es gab Tücken: Gewichtsklassen wurden zusammengelegt, gerade einmal zehn Sportlerinnen durften pro Klasse an den Start gehen. Das Auswahlverfahren war brutal und kompliziert, erst im Mai 2021 sollte endgültig feststehen, wer wirklich zu den Spielen nach Japan reisen darf. „Der Druck war enorm“, sagt Bettina Plank heute. Und meint damit längst nicht nur ihre persönliche Befindlichkeit. Sie wusste, dass es einen ganzen Stab an Leuten gab, die dafür schufteten, dass sie es nach Tokio schafft. Und die sie auf keinen Fall enttäuschen wollte. Doch genau mit diesem Szenario musste sie sich anfreunden. Im Mai in Paris, als sie beim entscheidenden Quali-Turnier von den Mattenrichtern gnadenlos benachteiligt wurde und die notwendige Platzierung unter den Top 3 verpasste. „Ich saß in meinem Hotelzimmer auf dem Balkon und habe mein persönliches Notizbuch herausgekramt. Dort habe ich das Wort TOKIO ganz bewusst mit einem fetten Stift durchgestrichen.“ Ein Abschied vom großen Ziel, aber auch eine Befreiung von der Last, die monatelang auf ihren Schultern lag. „Ich habe in dieser Nacht so gut geschlafen wie lange nicht mehr.“ Eine nur kurze Ruhepause. Schon am nächsten Tag haben ihre Trainer ausgerechnet, dass sie es über den europäischen Quotenplatz doch noch schaffen könnte. Erleichterung? Im Gegenteil. „Ich konnte mich nicht darüber freuen, hatte Schwierigkeiten, das Ganze anzunehmen.“ Auch weil sie wusste, dass sie Auf ihrem Weg zu Olympia-Bronze musste Bettina Plank viele Hürden nehmen und Resilienz beweisen. 106 SPORTaktiv

Fotos: Martin Pröll Photography, GEPA pictures Und versucht in der Rückschau zu ergründen, welche Faktoren entscheidend waren, dass sie ihn bewältigen konnte. „Erstens: Ich habe sämtliche Erwartungen weggeschoben. Zweitens: Ich habe mich auf einen extrem strukturierten Prozess eingelassen, bei dem es jeden Tag darum ging, eine Kleinigkeit zu verbessern. Drittens: Ich habe den vollen Fokus nur auf mich gelegt, um wieder ein Gefühl für mich selbst zu bekommen.“ Plank begab sich in den Tunnel. Freunde und Verwandte hatten ausgiein ihrer aktuellen Form bestenfalls als Kanonenfutter nach Tokio reisen würde. Schließlich stand das gesamte Jahr 2021 unter keinem günstigen Stern. Nach der Corona-Pause tat sie sich schwer, wieder in den Wettkampf-Modus zu kommen. Sie erkrankte selbst an dem Virus, musste einen Todesfall in der Familie verdauen, wurde zunehmend ratloser, wie sie den Turnaround schaffen könnte. Und hatte das Gefühl, auf der Zielgeraden einzugehen wie eine Sonnenblume im Herbst. „Das hat mich zermürbt.“ Als kurz nach Paris die Bestätigung des Weltverbandes kam, dass sie wirklich als eine der zehn Auserwählten in Japan dabei ist, schrieb sie in ihr Buch: „TO- KIO – wieder aufgenommen!“ Doch sie stand vor einer riesigen Challenge: Wie kann es ihr gelingen, das System wieder hochzufahren? Wie kann sie es schaffen, an ihre Form anzuknüpfen, die sie vor der Corona-Pandemie hatte? Und das in nur acht Wochen? „Es war ein verdammt harter, aber eben auch verdammt kurzer Weg, der vor mir lag“, sagt Plank. SPORTaktiv 107

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