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SPORTaktiv Oktober 2021

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Ironman Axel. 2019

Ironman Axel. 2019 finisht der gebürtige Münchner auf Lanzarote in 13 Stunden, 42 Minuten und 25 Sekunden. Was hast du für dich aus diesen 70 Interviews mitgenommen? Mit Sicherheit die Entschlossenheit, etwas unbedingt zu wollen, wenn man was erreichen will. Zielstrebigkeit. Und ich muss säen, bis ich ernten kann. Ich bin als Sportler und als Mensch gereift durch die Interviews und hab viel lernen können. Das ging los mit Faris Al-Sultan, damals Ironman-Weltmeister. Das war 2007 überhaupt nicht zu fassen, dass man, bevor man einen Marathon läuft, irgendwas anderes machen kann. Und 2019 hab ich auf Lanzarote selbst einen Ironman gemacht, der als einer der härtesten gilt. Vor 15 Jahren wäre es mir körperlich sicher leichter gefallen, aber ich war überhaupt nicht in der Lage dazu. Zu verstehen, worum es da geht, die Grenzen kennenzulernen, sich zu freuen, wenn man an Grenzen stößt um die anzunehmen und auch zu verschieben – da hab ich mir sehr viel erklären lassen. Ich schreibe mir auch am 1. Jänner immer Ziele in ein kleines Büchlein und hake ab. Macht dich das zufriedener? Ja. Man kann das Leben dann schon in eine Richtung lenken und gestalten und es gibt mir Struktur. Man ist aufgeräumter. Ich hab immer viele Ideen und mach oft 10 Dinge halb. So mache ich weniger, aber die dann richtig. Das hab ich mir definitiv von diesen zielstrebigen Sportlern abgeschaut. Das Schöne am Sport ist ja auch, dass man mit sich und seinem Körper so viel erleben kann und den ganzen Besitz nicht braucht. Ich zieh mir Laufschuhe an, renn durch den Wald oder versuche eine neue Bestzeit zu laufen und erlebe Emotionen wie Wut, Zweifel, Euphorie komprimiert in einer Stunde und lerne viel über mich, es ist gesund, kostet ein paar Schuhe und fertig. Dieses Pure, Reine, was man mit sich anstellen kann, das ist vom Sport schon sehr lehrreich. JE MEHR EIN SPORTLER ZEIT ALLEINE VERBRINGT, DESTO MEHR KANN ER NACHDENKEN UND DESTO REFLEKTIERTER IST ER AUCH. Dieses Reduziertsein auf den Selbsterhaltungstrieb, wie Tony Krupicka im Buch sagt, das ist es? Ja. Wir sind im Endeffekt Trockennasenprimaten – das kommt, wenn man bei Wikipedia Mensch eingibt. Wir haben uns weiterentwickelt, aber im Endeffekt sind wir Primaten und der Körper ist ein ganz wichtiger Teil von uns und wir sind dafür gemacht uns zu bewegen. Felix Gottwald sagt auch so schön, dass man sich nicht mehr auf den Geist verlassen kann, wenn man den Kontakt zum Körper verloren hat, weil es einfach zusammengehört. Und ich merk auch, wenn ich rausgehe, dann kommen die Gedanken auf mich zu, geradezu meditativ, ich spüre, was mir wichtig ist. Ich hab einen kleinen Sohn und denk mir, wie großartig das ist, oder mir fällt ein, dass ich einem Kollegen das und das mal sagen sollte. Es wird alles ein bisschen reingewaschen. Der Stress und die unwichtigen Dinge das Tages fallen ab und es bleiben sehr klare Dinge übrig, die echt sind. Fotos: FinisherPix, privat 14 SPORTaktiv

Bei so vielen Interviews hast du bestimmt auch ein paar Anekdoten erlebt … Ich war in Brasilien und hab einen Interviewtermin mit Felix Baumgartner bekommen. Handy hatte ich keines mit und es war fünf Uhr morgens. Es war auch kein Thema, das Gespräch zu verlegen, weil ich froh war, dass ich das Interview überhaupt bekomme. Ich stand in so einer Hörmuschel, gar keine echte Zelle und der Fernsprecher lief mit Wertkarten. Eine hat nach Deutschland für ca. vier Minuten gereicht. Ich hab mir also einen Stapel gekauft, das Problem war nur, dass man die während des Gesprächs nicht wechseln konnte. Ich musste Baumgartner also zu Beginn sagen, dass ich alle vier Minuten auflege und gleich wieder anrufe. Ich hatte Angst, dass das nicht klappt, aber er hat sich totgelacht und gesagt ich bin Extremsportler und dann hab ich endlich mal ein Interview unter extremen Bedingungen. Hast du die Feststellung gemacht, dass je mehr jemand erreicht hat, desto weniger er oder sie beweisen muss? Ich glaube, das ist typenabhängig. Man merkt schon, dass die, die viel erreicht haben, abgezockter sind. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sich wer beweisen muss. Ich hab die Gesprächspartner aber auch immer sehr sorgfältig ausgesucht und geschaut, dass sie schon ein bisschen älter sind, weil sie mehr zu erzählen haben. Ich schau auch, welche Interviews es schon gibt, was die Leute so erzählen. Es sollen immer Gesprächspartner sein, wo du weißt, wenn du sie an der richtige Stelle anpiekst, dann ist da viel zu holen. Du merkst generell auch: Je mehr ein Sportler Zeit alleine verbringt, desto mehr kann er nachdenken und desto reflektierter ist er auch. Das hast du halt gerne bei Bergsteigern oder vor allem auch Ausdauersportlern. Bei Ausdauersportlern kommt man dann aber auch um das Thema Doping nicht herum. HELDEN- STOFF heißt das Buch des freien Journalisten Axel Rabenstein – eine faszinierende Reise quer durch die Welt des Sports mit exklusiven Zitaten, Geschichten und Geheimtipps aus 70 Interviews mit Sport-Legenden. axelrabenstein.com Richtig. Ich hab im Buch zum Beispiel keinen Straßenradfahrer. Angefragt hab ich einige, aber die hatten einfach keinen Bock auf Dopingfragen. Und wenn ich mit so jemandem als Journalist rede, komme ich um das Thema einfach nicht herum. Nur der Triathlet Faris Al-Sultan hat mir da geantwortet, das muss ich ihm hoch anrechnen. Den hab ich gefragt, ob er nicht mal Bock hätte sich zu dopen, um zu sehen, wie schnell er dann wäre. Und die Antwort war: voll. Und dann ein bisschen im Scherz: Gegen Ende meiner Karriere werfe ich mir russisches Kampfpilotenamphetamin ein, gehe zur Wettkampfleitung und sage, Jungs ich bin voll drauf, aber ich mache heute den Wettkampf mit und dann will ich mal sehen, wie schnell es geht. Eine hochbrisante Antwort, weil da könnte es ja auch gleich heißen, Faris Al-Sultan will Doping ausprobieren. Das war ihm aber völlig egal. Ob Usain Bolt, Noriaki Kasai oder die „Huberbuam“ Alexander und Thomas: Axel Rabenstein hat 70 Sport-Größen auch für SPORTaktiv befragt. Und welche Frage würdest du dir stellen? Hmmm. Vielleicht die, wie ich den Sport generell sehe. Aus meiner Sicht ist der Sport für die Gesellschaft ein lebenserhaltender Mechanismus. Wie das? Ich seh immer wieder, dass sich die Leute, obwohl es uns so gut geht, mit Ellbogen beackern. Ich denke da immer an einen Affenfelsen in Gibraltar, wo die Berberäffchen draufsitzen und sich im weitesten Sinn vertragen. Es geht aber immer darum, wer darf höher sitzen und mit wem. Und wir verhalten uns teilweise nicht anders. Ich glaube, dass wir uns als Menschen auch nicht anders verhalten können, weil dieser Selbsterhaltungstrieb, der Überlebensinstinkt in uns drin ist. Darum wollen wir uns gegenseitig übertreffen, das größere Auto haben, die cooleren Freunde etc. Das ist eigentlich der Überlebenstrieb. Wenn ich nicht schön und stark bin, bin ich prinzipiell vom Aussterben bedroht. Der Sport ist nun eine Möglichkeit diese Energie und diese Aggression zu kanalisieren und auszuleben. Wir vergleichen uns, es gibt klare Regeln, es gibt das Gebot der Fairness und unter diesen Regeln kann jeder über die Stränge schlagen und zeigen, wie geil er ist. Manchmal würde ich mir wünschen Donald Trump und Wladimir Putin wären in einen Boxring gestiegen und hätten so geklärt, wer der Tollere ist, stattdessen reißen sie Menschen mit ins Unglück. Ich denke, der Sport rettet uns davor noch mehr so zu sein, wie es in unserer Natur läge. SPORTaktiv 15

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