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SPORTaktiv Outdoorguide 2017

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OUTDOORGUIDE DER ETWAS

OUTDOORGUIDE DER ETWAS ANDERE DUATHLON KLETTERN UND FLIEGEN: Am Tiroler Achensee kann man beides kombinieren. Man braucht weder Seillängen-, noch Flug stunden- Erfahrung. Nur mit Fragen sollte man sich zurückhalten. TEXT: Klaus Höfler 106 SPORTaktiv-OUTDOORGUIDE 2017

FOTOS: Klaus Höfler Es ist eine der latenten dramaturgischen Schwächen des Alpinismus. Egal, ob bei Expeditionen auf die höchsten Gipfel des Globus, beim Wandern Richtung Almhütte, beim Kraxeln im Klettersteig oder beim Freesolo in irgendeiner senkrechten Nordwand: Der Höhepunkt – nämlich das Gipfelerlebnis – kommt nicht als „Grande Finale“ daher, sondern bettet sich irgendwo in die Mitte des Abenteuers. Es hört am Berg nicht auf, wenn es am schönsten ist – nämlich ganz oben. Man muss auch wieder runter. Und egal, wo: Der Abstieg ist meist weniger spektakulär, weniger unterhaltsam, weniger elegant. Meist ja. Aber nicht immer. Denn es gibt eine spektakulärere Variante für das Decrescendo an Höhenmetern, indem man beispielsweise aus dem Runtergehen ein Runterfliegen macht. „Hike & Fly“ nennt sich dieser extravagante Duathlon mit den Zutaten: Rauf mit Bergschuhen und Klettersteigset, runter mit dem Paragleitschirm. Die einzigen Konstanten sind der Helm und der Rock'n'Roll der Endorphine. DAS GRÜNE „TIROLER MEER“ Ausprobieren kann man diese glücksbringende Kombination beispielsweise am Achensee. Tirols größter Bergsee ist für sich schon eine landschaftliche Attraktion. Das sehnsuchtsvoll „Tiroler Meer“ genannte, bis zu 133 Meter tiefe Gewässer besticht durch karibische Farbmischungen – wenn das Wasser auch nicht ganz die dortige Badewannentemperatur erreicht. Die umgebenden Gebirgsstöcke des Karwendels und Rofangebirges sind bewährte Wandergebiete mit einer Vielzahl an bewirtschafteten Alm(hütt)en. Am See kann man kitesurfen, segeln oder baden. Und über dem See? Ein an guten Tagen mit bunten Paragleitschirmen vollbehangener Himmel verrät, dass hier Felsen, Almen, Wasser und die Lage an der Witterungskante zwischen Österreich und Deutschland eine besonders günstige Thermik entstehen lassen. Sie zu spüren, gehört zu den aufregenderen Augenblicken eines Outdoorlebens. Über den Klettersteig zum Startplatz: Hike & Fly ist eine Bergsport-Kombination, in der sich Auf- und Abstieg gleichermaßen kurzweilig gestalten lassen. HINTER MIR BRÜLLT EINER ... „Renn! Renn! Renn!“ Die Anweisungen von Mike Küng lassen an Deutlichkeit nichts vermissen. Unablässig brüllt er mir ins Ohr, obwohl ich gerade einmal 30 Zentimeter vor ihm bin. Durch eine gefinkelte Sitzgurtekonstruktion für Tandemflüge sind wir zu einer Schicksalsgemeinschaft aneinandergekettet. Zusammen rennen wir, was das Zeug hält, die Böschung hinunter. Ich klammere mich an den Gurt, Mike streckt seine Arme, die an fast unsichtbaren Fäden am sich langsam aufplusternden Paragleitschirm hängen, links und rechts wie Flügel weg: Das Bild, das wir abliefern, muss an den behäbig wirkenden Startvorgang von Schwänen erinnern. „Renn! Renn!“ Mike schreit noch immer. Ich laufe noch immer – obwohl meine Füße längst den Kontakt zum Boden verloren haben. Aber das Ein Selfie geht sich noch aus ... gehört im Sinne der Sicherheit zum Prozedere, wie auch die Suche nach Gegenwind als optimale Start bedingung. Nur zögernd will sich nach dem Zurechtrücken im Sitzgurt so etwas wie entspannte Gemütlichkeit beim Flugnovizen einstellen. Und dann greift plötzlich auch noch die Thermik nach uns. Es fühlt sich an, als wären wir in einen unsichtbaren Lift gestiegen, der uns in den Himmel katapultiert. In engen Kurven schrauben wir uns nach oben. Die eben noch über den Almboden rennenden Schuhe baumeln mittlerweile schwerelos in der Luft. Es bleibt bei all dem Staunen gar keine Zeit, sich dem mulmigen Gefühl in der Magengegend zu widmen. FLY MIT MIKE ... Ein vorsichtiger Blick nach oben: Stramm spannt sich der Schirm in der Größe einer Kleinwohnung (40 Quadratmeter) wie ein Dach über uns. Dann und wann ein leichtes Ziehen an den Steuerungsseilen und schon biegt unser Gespann in die gewünschte Richtung ab. So zischen wir mit bis zu 40 km/h über Bergflanken und weiter über den See, den man von hier – tausend Meter über dem Wasser – in seiner ganzen Ausdehnung bewundern kann. Den Luftraum über dem See kennt Mike Küng besonders gut. Hier führt er als Pilot der offiziellen 107

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