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SPORTaktiv Outdoorguide 2021

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Am Museum Holzerhütte

Am Museum Holzerhütte vorbei zweigt unser Weg nach circa einem Kilometer links in das zu Beginn liebliche Karwendeltal ab. Spätestens jetzt haben wir die Hektik am Parkplatz vergessen. Nach zwei Stunden haben wir die 850 Höhenmeter überwunden und kommen an der traditionellen Berghütte Karwendelhaus (1765 m) an. Hier werden wir unser Nachtlager aufschlagen. Die E- Bikes laben sich an der Steckdose. Die 1908 erbaute Schutzhütte verfügt über ein eigenes Wasserkraftwerk, das die Hütte mit Strom versorgt, und eine vollbiologische Kläranlage, wie uns Hüttenwirt Andreas erzählt. Seit 30 Jahren wird das Karwendelhaus von seiner Familie geführt, vor 12 Jahren hat er es selbst von seinem Vater übernommen. Sowohl der Großvater als auch der Ur-Großvater waren bereits Hüttenwirte. Da kann man wohl getrost von einem „Hüttenwirt-Gen“ sprechen. Andreas Arbeitstage starten um 6.15 Uhr früh und enden gegen 23.30 Uhr abends. Weniger Beruf, mehr Berufung muss das sein. „Über mir gibt’s bloß den lieben Gott“, witzelt der sympathische Familienvater und deutet damit an, dass ein Hüttenwirt auch mal durchgreifen muss. Doch das sei selten der Fall, die meisten Gäste respektieren die Regeln der Hütte. Um 22 Uhr schickt er uns ins Nachtlager – ein rustikales Matratzenlager mit muffigen Schweißfüßen und schnarchenden Gipfelstürmern. Ob Allein schon das Karwendelhaus wäre die Reise wert. Aber wir wollen noch höher hinaus. Der Gipfel ruft! Hermann Buhl und seine Seilpartner vor gut 70 Jahren dieses Mikroklima als Kraftquelle für ihre Erstbesteigungen gesehen haben? Wir glauben fest daran, schließen die Augen und träumen uns an die Fersen der frühen Bergsteigerlegenden. Per Pedes zum Höhepunkt Frühmorgens reißt uns der Wecker aus unseren Träumen. Auf einmal hängen wir nicht mehr am Hanfseil von Hermann. Vor uns liegt der profane Weg eines normalen Wanderers – bei Weitem nicht senkrecht, Seil und Kletterausrüstung brauchen wir heute nicht. Wir werden mit dieser Tour auf die Birkkarspitze sicher keine Legenden, unser Weg ist durchwegs markiert, wir wissen, es wird keine Erstbesteigung. Aber dafür ist die Geröllfelder und Steige erfordern Trittsicherheit, dann ist die Birkkarspitze auf 2749 m erreicht. Voll öko! Route landschaftlich beeindruckend und der Weg wird uns bis ganz aufs Dach des gesamten Karwendels führen. Höher war auch Hermann in diesem Gebirge nie! Der Blick aus dem Fenster verrät: Es ist trocken, der Wetterbericht hatte recht. Lediglich einige Wolken und Nebelschwaden ziehen in einer fast schon mystischen Stimmung durch die schroffen Felsformationen. Beim Frühstück treffen wir Bergführer Franz. Der Ur-Tiroler ist auf dem Karwendelhaus Stammgast. Seit über 30 Jahren führt er Gäste durch das Karwendel. Mittlerweile ist er sogar Ausbilder bei der Alpinpolizei. Als er von unserer Tour mit Bahnreise, E-Bike und zu Fuß, was ja noch vor uns liegt, erfährt, zollt er uns so etwas wie Respekt – der Öko-Ansatz gefällt ihm. Auch Franz hat heute die Birkkarspitze vor sich. Natürlich kennt er das Karwendel wie seine Westentasche und mahnt uns, worauf es ankommt: immer das Wetter im Blick behalten und sich nicht selbst überschätzen. Wir sind immerhin im Hochgebirge und weit weg von schnellen, helfenden Händen im Notfall. Diesen Rat nehmen wir ernst, packen unsere Rucksäcke und bereiten uns auf die heutige Krönung unseres Bergabenteuers vor. 92 SPORTaktiv

Zunächst führt uns ein schmaler Pfad durch eine Stahlverbauung, die die Hütte im Winter vor Lawinen schützt. Altschneefelder sind auf dieser Höhe noch bis in den Juni hinein anzutreffen und der erste Schnee legt sich gerne bereits im September auf die schroffen Felsen nieder. Nach kurzer Zeit überschreiten wir die Bewuchsgrenze auf circa 1800 Meter und gelangen an die ersten Geröllfelder. Die Steinschlaggefahr ist omnipräsent, Konzentration und vorsichtiges Treten sind das Gebot der Stunde. Durch das Schlauchkar steigen wir über viel loses Geröll zum Schlauchkarsattel auf. Fast geschafft. Hier beginnt ein mit Drahtseil gesicherter Steig, der unbedingt Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert. Nach circa zweieinhalb Stunden stehen wir am Gipfel. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit macht sich in uns breit. Und trotzdem kennen wir natürlich die alte Bergsteigerweisheit: „Einen Berg hast du erst dann bezwungen, wenn du wieder unten bist!“ Die umliegenden Berggipfel sind wolkenverhangen und mahnen zum baldigen Aufbruch. Ein Gewitter hier oben wollen wir wirklich nicht erleben. Kurz vor dem Karwendelhaus reißt dann die Wolkendecke urplötzlich auf. War es Gottes Belohnung oder Gottes Geschäftssinn? Wie auch immer, wir nehmen die Wetterbesserung gerne an und genießen bei einem ausgiebigen Mittagessen auf der Terrasse des Karwendelhaus die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Sind wir jetzt Öko-Helden? Wir packen die Rucksäcke und satteln unsere geladenen E-Bikes. Zeit zum Heimfahren. Stolz und etwas erschöpft rollen wir das lange Tal hinunter nach Scharnitz. Am Bahnhof angekommen geben wir unsere Leihfahrräder zurück und setzen uns zufrieden in den Zug zurück nach München. Das Dosenbier vom Bahnhofskiosk schmeckt, unsere verschwitzten Merino-Shirts dampfen. Es braucht keinen lauwarmen Fencheltee oder atmungspassive Hanffaser-Pullis um öko zu sein – oder für uns schöner gesagt: der Natur und dem Klima etwas Gutes zu tun. Für Bergsteiger wie uns reicht ein kleiner Spurwechsel vom Asphalt auf die Schiene. So minimieren wir unseren ökologischen Fußabdruck ohne auf etwas vom Bergerlebnis verzichten zu müssen. Im Gegenteil: Das Abenteuer profitiert – nicht nur von unserem guten Gewissen. INFO I Für diese Tour solltest du in deinen Rucksack packen: Bergschuhe, wasser- und winddichte Jacke, Wechselklamotten, Fahrradhelm, Wanderstöcke, große Trinkflasche, Sonnencreme, Schlafsack, Erste-Hilfe-Set Die Übernachtung kostet: für Alpenvereinsmitglieder: 13 € im Lager ohne Frühstück für Nicht-Alpenvereinsmitglieder: 29 € im Lager ohne Frühstück E-Bike-Vermietung in Scharnitz: öffentlicher Fahrradverleih am Campingplatz Karwendelcamp in Scharnitz: www.radverleih-scharnitz.at Fahrradverleih auf Anfrage beim Café an der Länd: www.seefeld.com/ a-cafe-in-der-laendbar Kosten für E-Mountainbikes: ca. 40 €/Tag INFO II E-Bike&Hike auf die Birkkarspitze (2749 Meter): Bike: 850 hm, 18 km, ca. 3 h Hike: 950 hm, ca. 3 km, ca. 3 h Beste Zeit: Ende Juli bis Mitte September (dann, wenn das Schlauchkar schneefrei ist) Am besten beim Hüttenwirt des Karwendelhauses über die aktuellen Bedingungen am Berg erkundigen: www.seefeld.com/a-karwendelhaus +43 720/98 35 54. Im Vorfeld reservieren! Sonstige Infos: Wer den Naturpark Karwendel als Ganzes mit seinen wildromantischen Schluchten kennenlernen möchte, findet alle relevanten Informationen mit Tourenbeschreibungen, Anreise und Unterkünften unter www.seefeld.com SPORTaktiv 93

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