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SPORTaktiv Winterguide 2018

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die erste

die erste Motocross-Maschine. Dass ich ein guter Skifahrer geworden bin, hängt sehr viel damit zusammen, dass ich Motocross so liebe. Und die Unruhe trage ich noch immer ein bisschen in mir … Dein Vater Lars ist genauso erste Bezugsperson und Trainer wie es Marcel Hirschers Vater bei ihm ist, oder? Ja, und deswegen sind wir uns auch so ähnlich. Manchmal denke ich, Marcel sieht sein jüngeres Ich ein wenig in mir. Mein Vater war selbst Trainer und Skilehrer. Nach anderen Jobs kam er als Skitrainer zurück, als ich Ski zu fahren begann. Mein Vater ist die wichtigste Person für mich. Beim Skitraining, was Technik und Equipment betrifft, ist er sicher einer der besten Trainer der Welt, weil er alle Altersstufen abdeckt. Außerdem kümmert er sich um meine Medientermine und meine Finanzen. „DAS COOLSTE IST DOCH, DIE BESTEN DER WELT ZU BESIEGEN. ICH NEHME JEDE HERAUS- FORDERUNG AN.“ Trainer und Vater, diese familiäre Nähe ist sicher nicht immer leicht. Wie geht ihr damit um? Manchmal ist die Bindung fast zu eng, ja. Wir können Ski und privat natürlich nicht trennen, da wären wir ja Roboter, keine menschlichen Wesen. Manchmal ist es schmerzhaft und hart, aber ich würde nichts ändern wollen. Ohne meinen Vater würde ich nicht hier stehen. Ich und mein Bruder Magnus, wir schulden ihm, überhaupt unseren Eltern, sehr viel. Du giltst stets als erster Gegner von Marcel Hirscher. Wie steht es um eure Konkurrenz und euer privates Verhältnis? Ich respektiere ihn sehr und er mich. Die Scharmützel, die wir uns teilweise liefern, sind oft nur für die TV-Kameras (lacht). Die zwei Minuten auf der Rennpiste sind wir erbitterte Gegner, zwei Minuten später sind wir Freunde und alles ist normal. Privat haben wir keinen engen Kontakt, manchmal sind wir im selben Flugzeug. Aber heuer wollten wir im Sommer in Salzburg gemeinsam Motocross fahren, da ist dann meine Zehenverletzung dazwischengekommen. Hast du jemals nachgerechnet, wie viele Weltcupsiege du mehr hättest, wenn es Hirscher nicht gäbe? Im Slalom wärst du Seriensieger ... In einer TV-Show haben sie recherchiert, dass ich statt 16 Weltcupsiegen schon 30 Siege hätte und ohne Marcel drei Mal den Gesamtweltcup gewonnen und fünf kleine Kristallkugeln mehr hätte. Aber so denke ich nicht. Das Coolste ist doch, die Besten der Welt zu schlagen. In den letzten 30 Slaloms habe ich ihn öfter besiegt als er mich. Ich nehme jede Herausforderung an. Im Zielraum wirkst du nach den Rennen oft zornig. Warum? Die Leute verstehen das falsch. Wenn ich ein Rennen verliere, weil ich nicht 100 Prozent ins Ziel bringe und einen blöden Fehler mache, ärgert mich das. Ich ärgere mich nie über Gegner, nur über mich selbst, das ist Teil meiner Persönlichkeit. Okay, in Zagreb, als ich in den Zaun getreten habe, das war übertrieben, aber ich war als Dritter 0,11 Sekunden hinter Marcel als Sieger und hatte einen schweren Fehler. Ohne Emotion kommst du nicht weiter. Wenn du als Zweiter oder Dritter zufrieden bist, wirst du nie Erster werden. Hirscher ärgert sich nach knappen Niederlagen doch genauso. Wir ticken ganz gleich, wir sind beide Siegertypen. Die Schneebälle von Schladming sind vergessen? Was wirst du 2019 machen? Zurückschießen? Keine gute Idee. Ich habe das nach ein paar Minuten abgehakt, das Rennen hätte ich sowieso nicht gewonnen. Marcel war um vier Zehntel besser, basta. Wäre er nur vier Hundertstel besser gewesen, hätte ich wohl anders reagiert. Ich liebe Österreich, Schladming ist eines der besten Rennen. Dass bei 50.000 Fans drei Deppen dabei sind, lässt sich nicht vermeiden. Sogar Österreichs Sportminister hat sich bei mir entschuldigt. Und in Norwegen haben sie im Radio einen Song daraus gemacht. Du musst dir auch sicher viel über Social Media anhören. Wie gehst du damit um? Social Media ist wichtig für die Sponsoren und für die Fans, persönlich lege ich keinen großen Fokus drauf. Ich lese ein paar Kommentare, ärgere mich aber nicht über die negativen. Wirklich schlimme Sachen sind noch nicht passiert. Auch meine Freundin Tonje kann private Bilder von uns posten. Noch hatten wir keine schlechten Erfahrungen. Tonje ist ausgebildete Ernährungsexpertin. Wie schaut bei euch die Ernährung aus? Ich bin mit meinen 78 Kilogramm einer der leichtesten Fahrer im Weltcup. Bis vor zwei, drei Jahren musste ich essen, Fotos: Rossignol, Agence Zoom 152 SPORTaktiv

Zum Angreifen: Henrik Kristoffersen als Botschafter beim Hero Kids Race by Rossignol und beim Lieblingsrennen in Schladming. Zum Abheben: Der Norweger liebt Motocross-Action (rechts). „WER SETZT SICH AM WOCHENENDE UM 9 UHR VOR DEN FERNSEHER? DIE CHAMPIONS LEAGUE SPIELT JA AUCH NICHT AM SONNTAG IN DER FRÜH.“ sorgen. Außerdem können die Rennen ruhig in China, Korea oder Japan stattfinden, solange die Menschen im Stammmarkt Europa sie zu attraktiven Zeiten im TV sehen. essen, essen, damit ich endlich schwerer werde. Marcel hat wohl immer noch einige Kilos mehr. Für mich war es damals echt hart und schwer, so viel zu essen, um zuzunehmen. Jetzt normalisiert sich das. Tonje und ich essen ganz ausgewogen. Sie hat im Juni ihren Masterabschluss gemacht, kennt sich gut aus und ist mir eine große Hilfe. Außerdem war sie im norwegischen Handball-Junioren-Team, hat also genug Background. Gibt es eigentlich privates Skifahren bei einem Profi-Skifahrer? Ehrlich, wenn ich einen freien Tag habe, bin ich froh, keinen Schnee zu sehen. Meine Eltern haben Tourenski, das habe ich noch nie ausprobiert, obwohl das sogar Tonje gerne mal versuchen würde. Mein Vater und mein Bruder, wir träumen lange schon davon, einmal in Kanada im Tiefschnee zu fahren. Nach der Saison. Der Weltverband FIS steht vor der Herausforderung, die Weltcuprennen besser zu vermarkten und Formate zu ändern. Hast du Ideen? Die FIS-Ideen wie City-Events und Parallelsalom gefallen mir nicht. Ich bin ein Fan der Klassiker und die sind in Wengen, Kitzbühel, Gröden, Schladming, Adelboden. Um mehr TV-Publikum zu kriegen, würde ich so viele Slaloms und Riesenslaloms wie möglich an Wochentagen und am Abend machen, zweiter Durchgang um 21 Uhr. Also Nightraces wie Schladming, wo immer es möglich ist, mittwochs oder donnerstags. Denn wer bitte setzt sich am Samstag oder Sonntag um 9 Uhr für ein Skirennen vor den Fernseher? Die Fußball-Champions-League spielt ja auch nicht am Sonntag in der Früh. Warum machen wir das also? Zudem würde ein höheres Preisgeld für mehr Aufmerksamkeit Apropos TV: Was kann sich der Hobby-Skifahrer von der Weltklasse des Herrn Kristoffersen abschauen? Den Kids und jungen Rennfahrern sage ich immer: Don’t try to be cool. Als Junge wollten wir alle wie Ted Ligety fahren: tief unten, wilde Winkel, die Hand im Schnee. Jetzt sage ich, fahrt sauber und schnell, findet euren eigenen Stil. Denn Siegen ist cool. Niemanden kopieren! Gegen den Strom schwimmen! Als Teil des Systems kommst du nicht nach oben. Die Großen gingen ihren eigenen, den schweren Weg: Stenmark, Tomba, Vonn, Shiffrin, Hirscher, Girardelli, Maier. Wäre ich im norwegischen Skisystem geblieben, würde ich jetzt im Supermarkt arbeiten, nicht Ski fahren. Dem Hobbyskifahrer könnte ich ein paar Techniktipps geben, aber ich sage lieber: Genieße es. Habe Spaß. Mache einen Skikurs. Geh zu einem Coach. Nutze die Carving-Technik, wofür sie erfunden wurde. Have Fun! SPORTaktiv 153

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